Mach mit!

Auf dieser Internetseite kannst Du dich aktiv als ehrenamtlicher Autor beteiligen.

Wenn Du Interesse hast, kannst Du hier mit einem Klick zu mehr Informationen gelangen.

go to article

Folgt uns:

Folge uns auf Facebook!Folge uns auf Google+!Folge uns auf Twitter!Folge uns im News-Reader deiner Wahl!Folge uns auf YouTube!Folge uns auf Vimeo!

Newsletter

Hier können Sie unseren Newsletter bestellen oder abbestellen.

go to article
Michail Sergejewitsch Gorbatschow

Michail Sergejewitsch GorbatschowGorbatschow

FOKUS
2012-03-01
Nabucco - heiße Luft statt Erdgas
 

Kein anderes Projekt symbolisiert so stark die Energiesicherheit der EU wie die geplante Nabucco-Pipeline. Am Ende könnte sie mehr Luft als Erdgas nach Europa pumpen. Die Pipeline ist ein politisches Projekt, das praktisch wenig Sinn macht. Ein Kommentar von Stefan Bernhardt

Die Fertigstellung des ersten Stranges der Nord Stream-Pipeline Ende 2011 und die kommende Fertigstellung des zweiten Stranges Ende 2012, werfen erneut die Frage nach der Energiesicherheit in der EU auf. Immer wieder verlautet es von der EU über viele Medien, dass die Abhängigkeit vom russischen Erdgas reduziert werden müsse. Zu diesem Zwecke begannen bereits 2002 die Planungen für die Nabucco-Pipeline. Laut EU-Kommission solle zusätzlich auch der steigende Erdgasbedarf der EU-Mitglieder gesichert werden. Zumindest, wenn Nabucco jemals gebaut wird. Die öffentliche Kommunikation der EU war seit Beginn der Planungen eher peinlich. Baubeginn und Transport von Erdgas hätten bereits beginnen sollen, stattdessen wird alles fortlaufend verschoben. Laut dem Konsortium der Nabucco-Pipeline sei der Baubeginn aktuell für 2013 geplant.

Das 7,9 Milliarden Euro teure Projekt wurde von den Partnerländern Türkei, Rumänien, Bulgarien, Ungarn und Österreich erst nach sieben Jahren im Jahr 2009 unterschrieben. Langfristig soll die Pipeline eine Alternative zu der South Stream-Pipeline von Gazprom durch das Schwarze Meer sein. Ziel ist es, das Erdgas für Nabucco aus der Region des Kaspischen Meeres und des Mittleren Ostens zu beziehen. Die Umsetzung dieses Projektes ist sicherlich eine große Herausforderung, Sinn ergibt sie dennoch nicht.

Praktisch nutzlos

Derzeit stehen nicht einmal die Lieferanten fest. Gehandelt werden als solche der Irak, Aserbaidschan, Turkmenistan, Ägypten und zeitweise auch der Iran. Mit allen bestehen im besten Fall Absichtserklärungen. Eine Erdgas-Pipeline als Verbindung zwischen Nabucco und den zentralasiatischen Staaten durch das Kaspische Meer fehlt ebenfalls. Hinzu kommen Probleme mit der Türkei als Transitland, sie nutzt Nabucco sowie South Stream, um sich als Energiedrehscheibe zu etablieren und spielt scheinbar die EU und Russland für bessere Konditionen bei den Projekten gegeneinander aus.

Darüber hinaus hat Nabucco ein praktisches Problem. Selbst bei voller Auslastung, der 31 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr, macht dies, bei einem aktuellen Verbrauch der EU mit ungefähr 500 Milliarden Kubikmeter, lediglich knapp sechs Prozent des Bedarfs aus. Abgezogen werden müssen noch die 15 Prozent, welche der Türkei zustehen. Wie das real die Abhängigkeit von Russland reduzieren soll, ist ein Rätsel, vor allem da die Verträge mit Russland über mehrere Jahrzehnte laufen – eine zuverlässige Prognose zum Erdgasbedarf in der EU ist zu dem kaum möglich.

Die „besseren“ Lieferanten

Aber sind die potentiellen neuen Lieferanten moralisch vertretbarer, sicherer und damit besser als Russland? Turkmenistan ist eine Diktatur. Der letzte Herrscher, nannte sich bescheiden Turkmenbaschi, Haupt der Turkmenen, und hat einen Personenkult um sich gepflegt, der an Nordkorea erinnerte. Der neue Präsident Gurbanguly Berdimuhamedow, ehemaliger Vize-Miniterpräsident und Turkmenbaschis Zahnarzt, nahm bisher auch keine demokratischen Reformen vor. Davon abgesehen ist Turkmenistan derart abgeschottet, dass eine Einschätzung der politischen Stabilität des Landes kaum möglich ist. Aserbaidschan wird bereits in der zweiten Generation autoritär von der Alijew Familie regiert. Solange die Rohstoffmilliarden auch bei einem Teil der Bevölkerung ankommen, scheint es politisch relativ stabil zu sein. Der schwelende Konflikt mit Armenien um die Karabach-Region könnte das Land jedoch schnell in einen Krieg stürzen.

Der Iran hat sich als Lieferant mit seinem Atomprogramm ebenfalls ins Aus befördert. Der Irak ist immer noch instabil und die Kurdengebiete, wo sich das Erdgas für Nabucco befindet, liegen im Streit mit der Zentralregierung in Bagdad um die Rohstoffe. Ägypten ist mit der andauernden Revolution destabilisiert, weshalb es tendenziell einen Unsicherheitsfaktor darstellt. Vielleicht hat die EU einen besonderen Blickwinkel, aber Diktatoren sowie politisch destabilisierte Länder als neue, bessere Gaslieferanten an Stelle von Russland wirken eher gewagt als weitsichtig. Von den moralischen, demokratischen Implikationen, welche die EU zumindest öffentlich an den Tag legt, kaum zu sprechen.

In Ruhe nachdenken

Die praktischen Hindernisse sind lösbar. Die inhaltlichen Widersprüche, in die sich die EU mit dem Projekt verstrickt hat, allerdings nicht. Möglicherweise will die EU die Abhängigkeit von Russland reduzieren, weil der Kreml nicht als Demokratie bezeichnet werden kann oder die Streitigkeiten mit der Ukraine zu anstrengend sind. Sofern die EU tatsächlich aus Angst oder mangelndem Vertrauen gegenüber Russland handelt, ist eine Konkurrenzpipeline, welche Moskau ärgert, keine gute Entscheidung. Sie würde das Problem verschärfen, statt es zu lösen.

Anstatt fast acht Milliarden Euro in eine Pipeline zu investieren, die wahrscheinlich mehr Luft als Erdgas transportiert und fragwürdige, undemokratische Regime mit Geld zu unterstützen, wäre es klüger gewesen, eine Lösung der Probleme mit Russland anzustreben. Vertrauensbildende Maßnahmen sowie mehr Austausch durch Visaerleichterungen hätte das Misstrauen effektiver abgebaut. Unabhängig davon, ob Nabucco gebaut wird oder nicht: Die Probleme mit Russland bleiben.