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Wiktor Fedorowitsch Janukowitsch

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GESELLSCHAFT
2012-03-01
Drogenkreuz Ural
 

Jekaterinburg ist ein Umschlagplatz für Heroin, das von Afghanistan über die ehemaligen Sowjet-Länder in den europäischen Teil Russlands und weiter nach Europa geschmuggelt wird. Das Außergewöhnliche daran ist, dass sich in Jekaterinburg ehrenamtliche Drogenfahnder an Stelle von Behörden dem Kampf gegen Rauschgift stellen. Eine Reportage von Stefan Semken

Die Hauptstadt der Uralregion, Jekaterinburg, liegt von allen Millionenstädten Russlands geografisch am nächsten zu Afghanistan. Sie liegt in der drittreichsten russischen Industrieregion und zieht Drogenbarone förmlich an. Die Polizei will oder kann dem Drogenhandel kaum Einhalt gebieten. In der Stadt existiert jedoch eine besondere Form der Drogenbekämpfung. In Jekaterinburg engagieren sich die Mitglieder der Stiftung Gorad bez Narkotikow – Stadt ohne Drogen – ehrenamtlich als Drogenfahnder. Die Stiftung wurde 1998 von dem ehemaligen Duma-Abgeordneten Jewgeni Roizman gegründet, da Polizei und andere Behörden nichts gegen den illegalen Drogenhandel in Jekaterinburg unternahmen. Die Mitglieder arbeiten unentgeltlich; sie sind ehemalige Süchtige und nahe Verwandte oder Freunde von Betroffenen.

Eine Razzia der anderen Art

 

Mittags in einem heruntergekommenen Wohnblock in Jekaterinburg. Juri, Anfang 30, von Gorad bez Narkotikow, legt sein Ohr an eine stählerne Wohnungstür in der fünften Etage, während sein Kollege Sascha neben ihm steht. Juri hebt seinen Finger, zum Zeichen, dass er etwas hört. Eine Sekunde später schlägt er mit der Faust gegen die Tür: „Aufmachen! Polizei!“ Im Nächsten Augenblick: “Öffnen Sie oder wir brechen die Tür auf!“ „Das wird nichts mehr.“ sagt er und klingelt ruhig bei einem Nachbarn, der öffnet sofort seine Tür. Juri fragt höflich, ob er einen etwas größeren Hammer hätte. Er hat einen, den er Juri in die Hände drückt. Nach nur drei gezielten Schlägen mit dem Hammer auf das Schloss, der vermuteten Drogenhöhle, springt die Tür auf. „Alle hinlegen!“ ruft er durch die Wohnung, doch die Bewohner haben sich schon ihrem Schicksal ergeben, sie liegen bereits auf dem Teppich mit dem Gesicht nach unten. Sasha hat indes per Handy die Polizei gerufen.

Die Zweizimmerwohnung riecht nach Schweiß, kaltem Rauch und verbrauchter Luft. Es ist eng, denn in der Wohnung wohnen acht Personen, deren Matratzen sowie persönliche Gegenstände füllen die beengten Räume. „Handys her! Ich will eure Handys haben!“ brüllt Juri ihnen entgegen. Die beschlagnahmten Handys sind das Kapital der Anti-Drogenkämpfer, sie wissen genau, dass sowohl Kunden als auch Dealer in jedem Handy gespeichert sind. Juri hält eines der Handys in seiner Hand und geht das interne Telefonbuch durch. Er beschimpft dabei immer noch die am Boden liegenden „Was würden eure Eltern nur sagen, wenn sie euch hier sehen würden. Mensch, was seid ihr bloß für saublöde Ar...“ in diesem Moment erscheint die Polizei. „Los, aufstehen!“ lautet Juris letzter Befehl.

Schlimmer als Heroin

 

Die Polizisten schauen sich in der Wohnung um und machen den Eindruck, als würden sie die Aktion des Vereins stillschweigend begrüßen. Beim Betreten der Wohnung haben sie schon mit einem Blick gesehen, dass die Haustür aufgebrochen wurde. Dass diese Aktion einerseits illegal war, andererseits Hausfriedensbruch ist, interessiert die Polizei nicht. Es werden Anzeigen geschrieben und die Bewohner der Reihe nach von ihnen vernommen. „Was passiert mit ihnen?“, will Sasha von einem Polizisten wissen. „Meistens nichts. Wir werden gleich noch nach Drogen suchen. Die sind aber sicherlich schon im Klo runtergespült worden. Wenn sie erstmalig auffällig geworden sind, dann stellen wir das Verfahren ein. Wenn sie öfter erwischt wurden, dann eröffnet der Staatsanwalt ein Verfahren – vielleicht.“ In Russland gibt es für Drogenhandel oder Konsum nur die Gefängnisstrafe – staatliche Drogentherapien gibt es nicht.

Zusammen mit den Polizisten fangen Juri und Sascha an, die Wohnung zu durchsuchen. In der Küche werden sie schnell fündig. Hier bereiteten die Bewohner die Drogen zu. Juri seufzt beim Anblick der Utensilien auf der Küchenspüle. Er nimmt zwei kleine Tüten hoch und sagt, dass sie bis vor wenige Minuten noch Heroin beinhaltet haben. „Aber das ist viel schlimmer“, dabei zeigt er auf einige Chemikalien in der Spüle. „Daraus wird Krokodil gemacht. Das bringt dich innerhalb eines Jahres bei regelmäßigem Gebrauch um. Ein Gramm Heroin kostet 1.000 Rubel [ungefähr 25 Euro], Krokodil kostet dagegen nur einen Bruchteil davon.“

Ein hilfloser Staat

Diese Droge verbreitet sich rasend schnell in Russland und hat über Osteuropa auch schon den Weg nach Deutschland gefunden. Krokodil wird von den Süchtigen aus Codein, Jod sowie rotem Phosphor hergestellt, die in Russland im freien Handel erhältlich sind. Es gibt daher weder Dealer noch eine Schwarzmarktszene, welche von den Anti-Drogenkämpfern bekämpft werden kann. Das macht die Droge um einiges gefährlicher als bisherige andere Drogen. „Krokodil“ wird sie genannt, weil sie die Konsumenten von innen vergiftet oder auch zerfressen werden.

Nach knapp drei Stunden ist der Spuk zu Ende. Die Polizei packt ihre Protokolle ein, um kurz darauf wieder zu gehen. Sie lässt sechs verstörte junge Russen in ihrer Wohnung allein zurück. Die Polizei nimmt keinen der Bewohner fest, Hilfe wird ihnen weder bei der Reparatur der Haustür, noch zum Entzug angeboten. Sie werden mit ihren Problemen allein gelassen. Wenn der Staat nicht hilft, müssen sich die Bürger selbst helfen, so wie Gorad bez Narkotikow.

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