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Islam Abduganijewitsch Karimow

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GESELLSCHAFT
2012-03-01
Mehr als nur Demonstrieren
 

Die Proteste in Russland haben eine nie dagewesene Größe erreicht. Im Schatten der Demonstrationen ist in Sankt Petersburg ein Netzwerk entstanden, das auch auf anderen Wegen für ehrliche Wahlen kämpft. Hinter dieser Bewegung steht vor allem ein aktiver Student. Ein Hintergrundbericht von Carina Huppertz

Sankt Petersburg. Als Daniil Klubow mir die Tür des Fotostudios öffnet, klingelt sein Handy. Der 22-jährige Petersburger lächelt entschuldigend und weist mir mit der einen Hand den Weg, mit der anderen nimmt er das Gespräch an. Der Student hat sich daran gewöhnt, dass sein Telefon nicht mehr stillsteht. Im Studio steht ein großer, breitschultriger Mann im Wollpulli vor einer weißen Leinwand. Ilja Bortnuk ist Produzent sowie Gründer der Sankt Petersburger Musikfima Light Music. Als Klubow das Gespräch beendet beginnt er zu sprechen. „Die Zukunft ist jetzt und wir müssen immer daran denken, dass unsere Zukunft in unseren Händen liegt“, sagt er in die Kamera. Das Video, das so entsteht, lädt Daniil Klubow auf dem YouTube-Kanal der Gruppe Für ehrliche Wahlen hoch. Ilja Bortnuk ist eine von 22 Persönlichkeiten aus Sankt Petersburg, die der Protestbewegung so ihre Stimme leihen und sie unterstützen.

Für ehrliche Wahlen ist die Gruppe, die hinter den Demonstrationen in Sankt Petersburg steht. Am 4. Februar 2012, genau einen Monat vor den Präsidentschaftswahlen, sind in Moskau, Sankt Petersburg und vielen anderen Städten Menschen auf die Straße gegangen. Sie protestierten gegen die Wahlfälschungen, die nach der Dumawahl im Dezember bekannt geworden sind. In Sankt Petersburg wird die Zahl der Teilnehmer auf 10.000 bis 15.000 Menschen geschätzt. Dass die Bewegung eine so hohe Zahl an Menschen erreichte, ist auch Klubows Verdienst. Seine Gruppe Für ehrliche Wahlen hat die Demonstration zusammen mit den Oppositionsparteien angemeldet. Auf der Internetseite der Gruppe schreibt Klubow täglich neue Artikel, verbreitet Informationen, Videos sowie Bilder. Fast 10.000 Mitglieder zählt sie mittlerweile.

Wut am Abend der Parlamentswahl

 

Es ist eine Bewegung, die erst vor gut zwei Monaten aus der Wut eines Einzelnen entstanden ist. Daniil Klubow telefonierte am 4. Dezember 2011, dem Tag der Parlamentswahl, mit einer Freundin, die als Wahlbeobachterin massive Täuschungen mit angesehen hatte. „Ich wollte einfach nur schreien“, erinnert sich Klubow. Um Gleichgesinnte für Proteste zu gewinnen, gründete er noch am gleichen Abend die Gruppe Für ehrliche Wahlen auf vKontakte, der russischen Version von Facebook. Bereits nach einer Stunde waren 1.000 Leute Mitglied geworden, am nächsten Morgen sogar 3.000. Die Mitglieder verabredeten sich im Zentrum von Sankt Petersburg, um gegen das Wahlergebnis zu protestieren. Ein unangemeldeter Protest, auf den die Polizei mit voller Härte reagierte. Klubow selbst wurde über das soziale Netzwerk massiv unter Druck gesetzt. Anonyme Profile schickten ihm Nachrichten und drohten damit, ihn zum Militär einzuziehen oder von der Universität auszuschließen.

Zusammen mit Freunden beschloss Daniil Klubow eine Protestveranstaltung anzumelden. Am 10. Dezember 2011 fand die erste Kundgebung, auf Russisch „Meeting“ genannt, statt. Zu diesem Zeitpunkt sind auch die Oppositionsparteien auf die Gruppe Für ehrliche Wahlen aufmerksam geworden. Gemeinsame Demonstrationen am 18. und 24. Dezember sowie 4. Februar folgten. Klubow erklärt, dass die Zusammenarbeit mit den Parteien problematisch ist. „Die Oppositionsparteien nutzen die Veranstaltungen dazu, um Einfluss zu kämpfen.“ Er und seine Gruppe möchten sich keiner Partei anschließen. Faire Wahlen sind das Ziel ihrer Arbeit. Ihre Fahnen und Ballons sind daher weiß – auch, um ihre friedliche Haltung zu signalisieren. Trotzdem ist die Gruppe Für ehrliche Wahlen auf die Zusammenarbeit mit den Parteien angewiesen. Sie zahlen beispielsweise die Bühne und Lautsprecher, die für die Protestaktionen notwendig sind. Eigenes Kapital steht der Gruppe nicht zur Verfügung. „Ich selbst habe schon ungefähr 10.000 Rubel ausgegeben“, sagt Klubow. Umgerechnet sind das gut 250 Euro. Viel Geld für einen Studenten.

Vielfältige Aktionen

 
Daniil Klubow

Dieses Geld fließt in verschiedene Projekte. Die Medien berichten fast ausschließlich von Demonstrationen, doch Daniil Klubow und seine Mitstreiter sind an vielen Stellen tätig. Neben dem Videoprojekt organisiert die Gruppe Vorträge zum Thema Demokratie oder wirbt Wahlbeobachter. Medienarbeit gehört ebenfalls zu den Aufgaben. Längst ist die Gruppe keine reine Studentenorganisation mehr. Neben Klubow zählen drei andere Engagierte zu dem engen Koordinatorenkreis: Anastasia Stasenko, Philosophie-Studentin, ebenso wie die Unternehmerin Alexandra Kulenkowa und der Wissenschaftler Sergei Karaschewitch. Klubow versucht, möglichst viele Aktivitäten miteinander zu vernetzen. Nach seinen Angaben ist die Gruppe Für ehrliche Wahlen die „Schnittstelle für alle Protest-Aktivitäten in Sankt Petersburg“. Seitdem seine Arbeit derart professionalisiert wurde, haben auch die Drohungen gegen ihn aufgehört.

Daniil Klubow freut sich vor allem über das entstandene Netzwerk, wodurch seine Gruppe eine enorme Reichweite gewinnt:„Alle Leute sind bereit, etwas beizusteuern. Wenn wir etwas brauchen schreiben wir das einfach im Internet“, erzählt er. So ist auch Maxim Zawirjcha zu der Gruppe gestoßen. Der 45-jährige Hobbyfilmer arbeitet eigentlich bei einer Versicherung. Abends dreht er nun mit Klubow die Videos – kostenlos. „Meine Freunde glauben mir nicht, dass ich umsonst arbeite“, berichtet Zawirjcha. „Sie denken, ich werde von Amerika bezahlt.“ Seine Mitarbeit ist für ihn selbstverständlich. „Wer denn sonst, wenn nicht wir?“, fragt er. Ähnlich denkt auch Klubow. Er studiert eigentlich Internationale Beziehungen und macht parallel ein Praktikum. Alles neben seinem Engagement bei der Gruppe Für ehrliche Wahlen. „Ich schlafe einfach nicht“, sagt er und lacht laut auf. Danach wird sein Blick wieder ernst. „Ich schlafe wirklich kaum. Vielleicht vier Stunden pro Nacht“, gesteht er. „Die Arbeit braucht natürlich viel Zeit, ich bin sehr gestresst im Moment.“

Anstehende Wahlen im März

Für die Präsidentschaftswahlen am 4. März 2012 laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Neben dem Videoprojekt arbeiten Daniil Klubow und seine Freunde vor allem daran, Wahlbeobachter zu finden und auszubilden. „2.000 Beobachter haben wir schon, aber wir brauchen noch 4.000 mehr“, erklärt Klubow. In allen 1.800 Wahllokalen in Sankt Petersburg sollen neben einem Mitglied aus der Wahlkommission auch zwei unabhängige Wahlbeobachter die Vorgänge kontrollieren. So manchen Nachmittag hat er schon auf der Straße verbracht, mit dem Versuch, Passanten anzuwerben.

Daniiel Klubows eigener Wunsch für den nächsten Präsidenten ist klar: „Hauptsache nicht Putin“, sagt er lachend. Ernst fügt er hinzu: „Putin muss gehen. Das System muss grundlegend erneuert werden. Besonders die Gerichte arbeiten nicht fair. Außerdem hat der Präsident viel zu viel Macht“, erklärt er. „Jeder Kandidat müsste, sollte er die Wahl gewinnen, das System unter dem Druck der Gesellschaft reformieren.“ Sein eigener Wunschkandidat wäre Michail Prochorow. Die meisten Prognosen sagen zurzeit eine Wiederwahl Wladimir Putins vorher. Trotzdem bereiten Daniil Klubow und seine Freunde keine Proteste für den 4. März vor. „Wir kennen schließlich das Ergebnis noch nicht. Und wenn wir nicht an ein anderes Ergebnis glauben würden, müssten wir gar nicht mehr weiterarbeiten.“