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Julia Wladimirowna Timoschenko

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GESELLSCHAFT
2012-03-01
Sprachenpolitik und die ukrainische Identität
 

Die politische Landschaft der Ukraine repräsentiert eine einmalige Kombination von Furcht, Nationalismus und kulturellem Stolz. Die Krux der ukrainischen Gesellschaft ist jedoch um die linguistische Identität herum aufgebaut; exemplarisch in der Anerkennung von Ukrainisch als einzige offizielle Sprache der Nation. Ein Hintergrundartikel von Jenna Martin

Seit der Festigung der Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991, hat die Ukraine das letzte Jahrzehnt damit verbracht, dauerhafte Institutionen sowie eine robuste Zivilgesellschaft aufzubauen. Gleichzeitig versucht das Land die ukrainische Sprache als dominante Form der Kommunikation zu bewahren und zu stärken.

Das diese linguistische Sehnsucht umkreisende Dilemma, ist der aktuelle Druck, die russische Sprache als zweite offizielle Sprache einzuschließen. Ethnisch russische Gemeinschaften sind vorwiegend in der Ostukraine zu finden und sprechen Russisch bei ihrer täglichen Interaktion. Das Anwachsen dieser Inselgemeinschaften weckt sowohl politische als auch kulturelle Besorgnis. Die Erinnerung an die vergangene Herrschaft einer sowjetischen Hegemonie nährt die Ängste in nationalistischen Kreisen, Russland könnte damit erneut seine Kontrolle gegenüber der Ukraine behaupten wollen. Andere befürchten gar die Zersetzung der ukrainischen Kultur, welche durch die russische Sprache und Tradition ersetzt werden könnte.

Derlei politische und kulturelle Bedenken kündigen eine potentielle Redefinition der ukrainischen Identität an. Entstammt das Ukrainisch-sein einer kollektiven Ethnizität oder gemeinsamen Vorfahren oder kann es gar von allen biologischen ebenso wie angeborenen Eigenschaften entfernt werden? Diese Frage bildet das Fundament des darauf folgenden politischen Kampfes über den Status der russischen Sprache.

Demographischer Wandel und politische Polarisation

 

Die ukrainische Verfassung von 1991 benennt Ukrainisch als einzige offizielle Amtssprache. Der demographische Zusammenbruch der ukrainischen Gesellschaft weist darauf hin, dass der Status quo an die Grenzen seiner Praktikabilität gelangt. Der demographische Aufbau der Ukraine kann nicht ignoriert werden: Russischsprachige machen einen erheblichen Teil der Bevölkerung aus. 35 Prozent der Bürger geben an, Russisch sei ihre Muttersprache. Zum Vergleich, 39 Prozent der Bevölkerung erklärt, dass ihre tägliche Kommunikation in Ukrainisch erfolge, während 36 Prozent erklären, sie nutzten primär die russische Sprache im Alltag.

Bürgerliche Interessengruppen beider Seiten politisierten die Sprachproblematik umfassend. Viele Russischsprachige glauben, die Aufrechterhaltung einer einsprachigen Ukraine sei die systematische Aberkennung ihrer Rechte seitens der Hauptgesellschaft. Während sie sich selbst als Bürger sehen, welche an der Gründung des Staates beteiligt waren und nicht als Immigranten, wehren sie sich dagegen, dass Russisch zu sprechen Illoyalität gegenüber der Ukraine bedeute.

Konträr begründen viele Ukrainer, die den Status quo zwischen den Sprachen erhalten möchten, ihre Position, indem sie sich auf eine leidenschaftliche nationalistische Ideologie beziehen. Viele Aktivisten behaupten, dass die heutige Präsenz des Russischen ein Überbleibsel der früheren Kontrolle Moskaus und der Politik der „Russifizierung“ darstelle. Pro-ukrainische Beamte glauben, eine wirklich integrierte und vereinte Nation solle sich auch nur um eine einzige Sprache bilden.

Linguistische Divergenzen und nationale Identität

Die nationale Identität, welche 1991 artikuliert wurde, fußte auf der Fähigkeit, Ukrainisch zu sprechen. Jene Entwicklung folgt dem historischen Verlauf, der die Idee vorantrieb, dass die Sprache entscheidend sei, um die Dynamiken im ukrainischen Staat sowie der ukrainischen Gesellschaft zu verstehen. Jemand der Ukrainisch spricht, zeigt durch seine sprachlichen Fähigkeiten, dass er die ukrainischen Interessen vertritt und demonstriert seinen Patriotismus.

Linguistische Freiheiten können nicht als selbstverständlich erachtet werden. Mit der Entstehung der Sowjetunion haben sowjetische Behörden damit begonnen, alle Spuren der ukrainischen Sprache zu beseitigen. Die russische Sprache wurde der ukrainischen Gesellschaft auferlegt - nach außen unter dem Vorwand eine „internationale“ Identität zu schaffen. Ökonomischer sowie sozialer Erfolg in der Ukraine setzten die Beherrschung der russischen Sprache voraus. Schulen mussten in Russisch unterrichten und sowohl Literatur als auch Poesie wurden vom ukrainischen Original ins Russische übersetzt. Die sprachliche Dominanz sollte den Nationalismus zerstreuen.

Die ukrainische Sprache verbindet Nationalität mit Identität. Der Besitz einer ukrainischen Staatsbürgerschaft basiert auf ethnischer Zugehörigkeit, welche durch die Fähigkeit Ukrainisch zu sprechen, belegt wird. Sofern die ukrainische Nationalität sprachlich bestätigt wird, haben ukrainische Offizielle kein Interesse daran, Russisch zu einer offiziellen Sprache zu machen, da ukrainische Bürger sich sowohl sozial als auch politisch orientieren indem sie Ukrainisch sprechen. Die Änderung des Status quo und die damit verbundene Befreiung der Russischsprachigen Bevölkerung präsentiert das Risiko eines Wiederbelebens der russischen Kultur gleichsam wie politischen Dominanz – so etwas würde die ukrainische Selbstbestimmung unterminieren.

Die Implikationen einer Sprachenreform

 

Der Effekt einer potentiellen Sprachenreform hätte multiple ideologische und praktische Gesichtspunkte. Auf der einen Seite ist die Integration von Russisch als eine offizielle Sprache ein Nachteil für die Ukraine. Eine Änderung der Verfassung, um Russischsprachige mit aufzunehmen, könnte als eine Untergrabung der ukrainischen Selbstbestimmung wahrgenommen werden. Pro-Ukrainische Kreise behaupten, indem man dies tue, wäre dies ein neues Vorangehen für eine Wiederherstellung russischer Kontrolle.

Zusätzlich haben die Jahre der ausländischen Kontrolle die ukrainische Kultur sich nicht konsolidieren lassen. Lediglich schwach etablierte Traditionen sind anfällig für den russischen Einfluss. Sprachliche Fähigkeiten stehen im Zentrum der ukrainischen Kultur, Russisch als offizielle Sprache anzuerkennen, könnte Ukrainisch praktisch aushöhlen. Pro-Russische Bürokraten sehen die Situation anders. Russisch zu einer offiziellen Sprache zu machen, würde einen großen Teil der Bürger befreien. Das Gefühl von Inklusion und Dazugehörigkeit könnten langfristig die ukrainische Einheit stärken, welche gegen einen zukünftigen russischen Einfluss absichern kann.

Einem großen Teil der Bürger zu befreien, festigte die ukrainische Identität. Fühlen sich die Russischsprachigen aktuell isoliert und ausgeschlossen von der ukrainischen Hauptgesellschaft, so kann eine Änderung des Status quo, zum Beispiel in dem Russisch eine offizielle Sprache würde, helfen, sie in die Gesellschaft zu integrieren. Diesen Standpunkt zu akzeptieren, würde es erforderlich machen, das aktuelle Konzept des Ukrainisch-seins neu zu überdenken.

Ideologische Unterschiede und die Zukunft der russischen Sprache

Die Geschichte der Ukraine hat ein vielschichtiges Fundament geformt, mit dem sie versuchen muss, die russischsprachige Bevölkerung zu integrieren. Jahrzehnte der Feindseligkeit sowie sowjetischer Repressionen führten zu einer gesellschaftlichen Zurückhaltung, Russisch als zweite Staatssprache zu akzeptieren. Die Zusammensetzung solcher Ängste führt zu diversen politischen Nachspielen, wie die erneute Einmischung der russischen Politik in ukrainische Angelegenheiten. Gleichbedeutend ist der ideologische Faktor, der die aufkeimende ukrainische Identität gegen jeden kulturellen Einfluss schützen will.

Um sich in dieser Debatte zurechtzufinden, muss eine Reihe von Fragen berücksichtigt werden. Ist die ukrainische Identität ethno-zentrisch oder sozial konstruiert? Hat sich die Ukraine weit genug von ihren sowjetischen Ursprüngen entfernt, um russischsprachige zu integrieren oder wird dies zu einer russischen Einflussnahme führen? Wie flexibel ist das Konzept des „Ukrainisch-seins“? Ideologisch oder praktisch gesprochen, der Vorsatz die Sprachenpolitik in der Ukraine zu reformieren, erfordert eine genaue Analyse dieser Erwägungen sowie ihrer Implikationen, welche die globale Rolle der Ukraine im 21. Jahrhundert definiert.