Mach mit!

Auf dieser Internetseite kannst Du dich aktiv als ehrenamtlicher Autor beteiligen.

Wenn Du Interesse hast, kannst Du hier mit einem Klick zu mehr Informationen gelangen.

go to article

Folgt uns:

Folge uns auf Facebook!Folge uns auf Google+!Folge uns auf Twitter!Folge uns im News-Reader deiner Wahl!Folge uns auf YouTube!Folge uns auf Vimeo!

Newsletter

Hier können Sie unseren Newsletter bestellen oder abbestellen.

go to article
Ilja Walerjewitsch Jaschin

Ilja Walerjewitsch JaschinJaschin

UMWELT
2012-06-15
Achtung, Flash-Mobber!
 

Ein Massen-Ohnmachtsanfall, die Ausgabe frischer Luft, eine Menschenkette, die auf unverständliche Weise versucht ein Lämpchen zu entzünden – Zentralasien wird zum Treffpunkt für kreative Ökologen und nicht nur das. Durch Flash-Mobs will die Jugend aus Kasachstan, Usbekistan und Kirgisistan von Umweltproblemen erzählen und die Aufmerksamkeit von zufällig vorbeilaufenden Passanten und der internationalen Presse auf sich lenken. Ein Bericht von Jelena Kilina

Im Zentrum von Pawlodar, einer Stadt im Süden Kasachstans, verteilen zwei Fußgänger Talons an eilige Fußgänger. Die hellblauen Papierchen kann man gegen eine überaus kostbare Sache eintauschen – eine Plastikflasche. Die leere Flasche ist mit dem allerwichtigsten gefüllt: frische Luft. Mit einem solchen Flash-Mob wollte das hiesige Zentrum für den Schutz von Menschenrechten die Aufmerksamkeit auf den Bau einer Fabrik für die Herstellung von Natriumcyanid lenken, ein hochgiftiges Blausäuresalz. Für die Stadt, wo etwas mehr als 300.000 Menschen wohnen, wäre diese Fabrik das Neuntgrößte Industrieobjekt.

„Noch vor 20 Jahren konnte sich niemand von uns vorstellen, dass wir einmal frisches Wasser kaufen werden, aber heute ist das ein Lebensstandard“, sagt eine Teilnehmerin des Flash-Mobs. „Und wenn diese Fabrik gebaut wird, werden wir dann nicht in zehn Jahren ebenso frische Luft kaufen?“

Ökologie ist schnuppe

 

Der Kampf gegen Gleichgültigkeit und Aktionen, die aus dem Rahmen der Logik fallen, machen einen Flash-Mob aus. Im Zentrum von Taschkent nehmen sich einige Menschen an den Händen und der letzte von ihnen zündet eine Lampe an. Es sind zwei Menschenketten. Diejenige, in der mehr Leute stehen, gibt der Lampe gewöhnliche Energie. Für die Energiesparlampe ist die Menschenkette kürzer. „Die neuen Lampen verbrauchen weniger Energie und sparen Ressourcen“, erklärt der Flash-Mob Teilnehmer Dmitri. Die Passanten verfolgen die Aktion mit Interesse. Doch für sie erfolgt keinerlei Erklärung. Nach den Gesetzen des Genres verschwinden die Teilnehmer des Flash-Mobs – die Mobber – vom Ort des Geschehens schnell, ohne Lärm, ohne Staub und ohne einen Abgang, der die Umwelt verschmutzt. Der Flash-Mob unterscheidet sich von aktiven Umweltaktionen mit Aufrufen, Flugblättern und Reden. Kreativität und Unkonventionalität ziehen die Jugend an, doch der geringe Informationsgehalt stört auch die Organisatoren selbst.

„Der Konflikt besteht auch in dem Wunsch, den Planten sauberer zu machen, und der Philosophie des Flash-Mobs. Obwohl der Flash-Mob die Aufmerksamkeit der Menge auf sich zieht, wird keine Sinnladung transportiert“, schätzt der Koordinator des Programms der kirgisischen Umweltbewegung BIOM, Dmitri Wetoschkin. „Die ökologische Frage ist sehr vielseitig. Es ist schwer in einer Minute über die ganze Problemgeschichte, Meinungen und Beispiellösungen zu berichten. Es bleibt nur der nackte Infogehalt, den man ohne Kontext schwer verstehen kann.“

Dmitri sucht schon seit mehr als zwölf Jahren einen Weg zur Rettung der Wälder in Kirgisistan, doch erst im Jahr 2011 entschied er sich dafür auf die Straße zu gehen und die ökologischen Probleme unkonventionell zur Sprache zu bringen. Zum Beispiel konnte sich am Tag des Umweltschutzes jedes Kind das Gesicht, mit Naturfarben aus Möhren und Rüben, mit einem Tier aus dem roten Buch Kirgisistans bemalen – der Königsadler oder der Schneeleopard. Oder man konnte Blätter, Moss und Beeren unter dem Mikroskop betrachten. Und im Anschluss an das Programm wurde ein Erdtanz verkündet und plötzlich fielen 50 Leute in Ohnmacht. Die Zuschauer waren in einem Schockzustand, da man ihnen nicht erklärte, dass ohne Wälder, Erde und Tiere, aber auch der Mensch, kein Leben hat. „Der Flash-Mob ist ein guter Schockfaktor, damit ruft er Emotionen und das Interesse der Jugend hervor“, betont Dmitri.

„Der Flash-Mob passt als Arbeitsform zu den jungen Leuten“, stimmt die Aktivistin der usbekischen Umweltbewegung, Iraida Sajzewa, zu: „Doch ohne Gesetze, löst man mit einem Flash-Mob kein Problem. Unsere Aufgabe ist es, solche Verbesserungen in der Gesetzgebung zu erreichen, die es erlauben, ein Problem konkret zu lösen, zum Beispiel ein Abholzungsverbot von Bäumen an bestimmten Orten.“

Die Stadt rettet spontanen Extremsport

 
Weinen durch den Fluss Irtysch

Die Ökologen, die Zweifel an den Flash-Mobs äußern, beabsichtigen immer noch nicht, diese aufzugeben. Spontane Aktionen lenken immer die Aufmerksamkeit der Medien auf sich.

„Die Aufmerksamkeit der Journalisten auf Umweltprobleme zu lenken, ist schwierig, doch Flash-Mobs sind ein interessantes Thema für einen Artikel“, sagt Dmitri Wetoschkin. „Wenn sie schon mehrmals über irgendwas geschrieben haben, dann sind es solche Aktionen. Damit sind wir dann wieder beim Thema. Und deshalb werden wir das machen.“

Flash-Mobs hatten in den Ländern Zentralasiens bis vor kurzem noch keinen tieferen Sinn. In verschiedenen Städten sprang die Jugend mit einem Fallschirm aus dem Bus, stützte angeblich einstürzende Gebäude und rannte mit Fernrohren durch die Stadt. Für jede von diesen Aktionen gab es den Wunsch, sich einfach zu amüsieren und ein wenig das Publikum zu schockieren. Nun ist das Ziel der Unterhaltung nicht irgendwie fortgegangen, nur die Aufgaben haben sich ein wenig verändert.

„Wir haben oft Flash-Mobs gemacht und einmal dachten wir uns, warum machen wir eigentlich nicht irgendwas Nützliches für unsere Stadt, nicht nur die Aufmerksamkeit auf sich lenken, sondern auch auf das Problem“, sagt der Mobber-Experte Wasili Melentew. Er war einer der Organisatoren beim Weinen durch den Fluss Irtysch. Damals zogen die Mobber in Trauerkleidung mit Fotografien vom Fluss, die mit einem schwarzen Band umbunden waren, durch Pawlodar.

Ein erstes Ergebnis hat die Mobber zum Fortführen der Aktionen ermutigt. Die Cyanid-Fabrik, gegen die man in Pawlodar protestiert hat, wird man nicht bauen. Natürlich sind nicht nur Mobber gegen die Produktion aufgetreten, doch eben sie haben eine Welle an Publikationen in allen Medien hervorgerufen, sogar international. Und deshalb sind sich die jungen Leute sicher, dass das auch ihr Erfolg ist.

Dieser Artikel wurde bereits vorher auf der Internetseite des To4ka-Treffs veröffentlicht. Er ist Teil einer Kooperation vom To4ka-Treff und Objective Mind. Die Rechte am Artikel liegen beim To4ka-Treff.

Lesetipps

Bildrechte

1. Bild: Elena Kilina / alle Rechte vorbehalten

2. und 3. Bild: Alexej Kobsew / alle Rechte vorbehalten

Tags