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Michail Dmitrijewitsch Prochorow

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UMWELT
2012-10-10
Ein Dorf gegen die Zyanid-Anlage
 

Die Einwohner von Bingi, ein Dorf im Ural-Gebiet, erlebten eine böse Überraschung. In ihrer Nachbarschaft wird eine Zyanid-Anlage gebaut. Sie wehren sich dagegen und zeigen: die Zeiten in denen russische Behörden einfach tun können was sie wollen, ohne Widerstand von der Bevölkerung zu erwarten, sind vorbei. Ein Bericht von Stefan Bernhardt

„Es war einfach wieder ein toller Sommer in Bingi – im schönsten Dorf der Welt!“ Doch für Stefan Semken und einige andere Menschen aus Bingi wurde der Spätsommer heißer als erwartet. Das Dorf mit seinen 2.000 Einwohnern liegt wenige Kilometer von Jekaterinburg entfernt. Nur 800 Meter vom Ort soll eine Zyanid-Anlage entstehen, die bei voller Leistung 100.000 Tonnen dieses giftigen Stoffes jährlich nutzen soll. Verwendung soll es zur Goldgewinnung der ortsansässigen Goldmine von Artel Neiva finden, die den Einwohnern aktuell 300 Arbeitsplätze bietet.

Obwohl Stefan mit seiner Frau in Bingi lebt, erfuhren sie erst davon, als ein Familienmitglied aus einer anderen Stadt aufgrund eines TV-Berichts nachfragte. Die erste Reaktion von ihm war, den Ort des Geschehens aufzusuchen und zu schauen, ob dort tatsächlich gebaut wird. Am zukünftigen Bauplatz steht bereits ein kleines, einfaches Verwaltungsgebäude. Zu dem Zeitpunkt, Anfang August, wartete der Bürgermeister noch auf ein Gutachten sowie eine Genehmigung aus Moskau.

Zyanid, eine tickende Zeitbombe

In Deutschland ist die Goldgewinnung mit Zyanid verboten, wie in fast allen Staaten der EU. Der Grund sind die massiven Umweltprobleme, welche mit freiwerdendem Zyanid verbunden sind, die Mensch und Tier lebensgefährlich bedrohen. Was passieren kann, konnte die Welt im Jahr 2000 in Rumänien beobachten. Bei einem Unfall entwichen 130.000 Kubikmeter Zyanid-belastetes Wasser, flossen in die nahegelegenen Flüsse und überspülten dabei ganze Landstriche. Fische starben, der Boden wurde verseucht, später erkrankten die ersten Menschen – eine riesige Umweltkatastrophe.

Zyanid bei der Goldgewinnung zu verwenden, ist sicher, wenn alles gut geht und keine Unfälle, Missgeschicke oder ähnliches vorkommen. Doch diese Dinge passieren, weshalb Sicherheit nicht zu wichtig genommen werden kann. Stefan brachte die Möglichkeit einer Katastrophe in Bingi auf den Punkt: „…wir alle im Dorf glauben, dass sie garantiert kommen wird. Schließlich bekommen wir hier nicht einen Monat Strom ohne Ausfall – wie will man da eine Zyanid-Anlage in den Griff bekommen?“ Stefans größte Befürchtung ist jedoch, dass die Zyanid-Abfälle nach der Goldgewinnung einfach im Wald entsorgt werden. Dabei könnte die Goldgewinnung, wie er herausfand, auch ohne Zyanid gelingen, diese wäre nicht nur umweltfreundlicher, sondern auch billiger mit Biominig. Anstatt Zyanid werden dabei Bakterien verwendet.

Ist Widerstand zwecklos?

Die Menschen in Bingi wehren sich nicht alle vehement gegen die Anlage, die Meinung darüber ist scheinbar geteilt. Allerdings leisten einige, wie Stefan und seine Frau, Widerstand. Ihr schwierigster Gegner scheint dabei noch nicht mal der Konzern direkt zu sein, sondern der Bürgermeister, der die Bedenken der Bewohner offenbar nicht ernst nimmt. Bei Bürgerversammlungen bekamen besorgte Einwohner nur ausweichende Antworten.

Stefan engagiert sich allen voran gegen den Bau der Zyanid-Anlage: Aufklärung unter den Einwohnern, Petitionen, Bürgerversammlungen, Briefe an Verantwortliche und sogar eine Pressekonferenz mit Itar-Tass, eine der größten russischen Nachrichtenagenturen, in Jekaterinburg hat er auf die Beine gestellt. „Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt! Alter Spruch aus den 70gern – aber vielleicht bringt er ja hier noch was“, so Stefan.

Reicht der Druck?

Der Ausgang der Geschichte bleibt offen. Momentan scheinen sowohl das Gutachten als auch die Genehmigung nicht vorzuliegen. Einige Verbündete mehr kann der Protest auch gebrauchen, bisher schlugen sich neben Einwohnern, der örtliche Geistliche und ein Abgeordneter des Stadtparlaments auf deren Seite. Der Druck auf die Verantwortlichen, wie Goldminenbesitzer oder Bürgermeister, muss steigen, wenn der Bau verhindert werden soll. Noch ist nichts endgültig entschieden.

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Bild: Stefan Semken / alle rechte vorbehalten

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