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Michail Dmitrijewitsch Prochorow

Michail Dmitrijewitsch ProchorowProchorow

WIRTSCHAFT
2013-07-25
Europas Energiedrehkreuz
 

Knapp zwölf Jahre nach Auflösung der Sowjetunion gehört Aserbaidschan zu den wichtigsten Energiepartnern Europas. Spätestens mit dem Eurovision Song Contest rückte der Staat in das Licht der europäischen Öffentlichkeit. Seine Wichtigkeit und Präsenz auf den Energiemärkten der EU-Länder wachsen stetig. Ein Hintergrundartikel von Magdalena Stawiana

Das heutige Aserbaidschan ist nicht mehr mit dem zu vergleichen, das 1991 unabhängig wurde. Die wirtschaftliche Regionalmacht verzeichnete in den letzten Jahren zweistellige Wachstumsraten des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Dank der Erträge aus den Erdöl- und Erdgasressourcen wies Aserbaidschan im Jahr 2006 mit 34,5 Prozent einen weltweiten Wachstumsrekord auf. Danach schwankten die Wachstumsraten zwischen fünf und zehn Prozent.

Der steigende Energiebedarf Europas, ebenso wie die wachsende Abhängigkeit von russischen Erdgaseinfuhren sowie die Unsicherheit der Lieferungen aus dem Nahen Osten, zwingt Brüssel zur Suche nach neuen Energielieferanten. Dabei wuchs die Bedeutung Aserbaidschans nach Erlangung der Unabhängigkeit substantiell.

Aufgrund seiner großen Energievorkommen und geostrategischen Lage ist das Land zudem ein wichtiger Partner der Europäischen Union hinsichtlich  bestehender und geplanter Diversifikationsprojekte aus Zentralasien sowie dem Kaspischen Becken. Die Besuche von EU-Kommissaren in Baku oder  hochrangigen aserbaidschanischen Politikern in Brüssel bestätigen, dass die beiden Seiten an der Vertiefung ihrer Beziehungen weiterhin höchst interessiert sind.

Aserbaidschan aus strategischer Perspektive

Die Erdöl- und Erdgaslagerstätten am Kaspischen Meer gehören zu den größten weltweit. Mit dem ersten Erdölbrunnen auf der Halbinsel Abscheron im Jahr 1594 zählt Aserbaidschan zu den ältesten Orten der Erdölförderung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts produzierte Baku knapp 50 Prozent der Erdölförderung der Welt und 95 Prozent der Erdölförderung Russlands.

Heute gehört es global zu den wichtigsten Lieferanten von Energierohstoffen. Schätzungen zufolge wird es auch künftig diese Position beibehalten. Die nachgewiesenen aserbaidschanischen Erdölvorkommen bewegen sich aktuell  zwischen 1,2 und 2,4 Milliarden Tonnen, wobei circa 5,2 Milliarden Tonnen noch nicht erkundet wurden. Im Falle der Erdgasvorkommen gelten 1,5 Billion m3 als nachgewiesen, während zwei bis 2,5 Billion m3 noch nicht belegt wurden. Die Schätzungen besagen, dass bis zu 90 Prozent der großen Erdgasvorkommen und mehr als 70 Prozent der Erdölvorkommen im Offshorebereich vorliegen. Nur etwa ein Fünftel des aserbaidschanischen Schelfs wurde bis heute erkundet.

Die Erdgasvorräte des größten Erdgasfeldes Aserbaidschans Schah Denis werden auf circa eine Billion m3 geschätzt. Die zweitgrößte Erdgasreserve, das Umid-Feld, das 2010 entdeckt wurde, berechnet das aserbaidschanische Wirtschaftsministerium auf 200 Milliarden m3. Nach den aktuellen Marktpreisen liegt der Gesamtwert der Erdgasreserven bei 30 bis 40 Milliarden US-Dollar.

Aserbaidschan ist auf Grund seiner strategischen Lage zwischen Westeuropa und dem Mittleren Osten das bedeutendste Drehkreuz für Transporte von Energierohstoffen in der Region. Die Erschließung weiterer Erdöl- und Erdgasvorkommen am Kaspischen Meer ist auch die Grundlage weiterer wirtschaftlicher Kooperationen mit der EU, den USA, dem Nahen Osten, China und Japan. Aserbaidschan bildet einen Korridor zu rohstoffreichen Staaten Zentralasiens wie Kasachstan, Usbekistan, Kirgistan, Tadschikistan oder Turkmenistan. Dabei besitzt das Land das Potenzial zum Ausbau der bestehenden Infrastruktur ebenso wie dem Bau neuer transkaspischer Pipelines. Die neuen Transportrouten könnten zudem Erdgas aus zentralasiatischen Ländern mit Umgehung Russlands nach Aserbaidschan und weiter nach Europa liefern. Dadurch gewinnt die Region besonders für europäische Diversifizierungsprojekte an Bedeutung.

Europäischer Energiepartner

In den letzten zwei Jahrzehnten gelang es Aserbaidschan, sich als zuverlässiger Öl- und Erdgaslieferant zu etablieren. Die zahlreichen Abkommen sowie gemeinsamen Deklarationen über die immer engere Kooperation zwischen der EU und Aserbaidschan sind nur ein weiterer Beweis dafür. Die Entwicklung des riesigen Offshore-Ölfeldes Aseri-Chirag-Gunaschli, der Bau der Baku-Tiflis-Ceyhan-Ölpipeline sowie der Baku-Tiflis-Erzurum-Gaspipeline machten Aserbaidschan zu einem strategischen Energiepartner der Europäischen Union. Durch diese Pipelines werden Energierohstoffe aus Aserbaidschan bis in die Türkei geliefert, ohne auf das russische Transportsystem angewiesen zu sein.

Auch das im Juni 2012 von der Türkei und Aserbaidschan unterzeichnete Abkommen über den Bau der Transanatolischen Pipeline (TANAP) soll weitere Mengen vom Erdgas aus Aserbaidschan durch die Türkei an die bulgarische Grenze führen. Der Baubeginn ist für 2013 geplant. Die Pipeline soll von 2018 an jährlich 16 Milliarden m3 Erdgas transportieren.

Die geplante Lieferung von Erdgas nach Europa aus dem 2007 entdeckten aserbaidschanischen Schah Denis II-Gasfeld wird auch eine wesentliche Rolle bei den europäischen Energieversorgungsplänen spielen. Über die Trans Adriatic Pipeline (TAP) sollen ab 2019 circa 10 Milliarden m3 aserbaidschanischen Erdgases über Griechenland und Albanien nach Italien fließen.

Die EU begrüßt alle Projekte, die dabei helfen, wertvolle Rohstoffe aus dem kaspischen Raum nach Europa zu liefern. Trotz der Niederlage des von Brüssel favorisierten Nabucco-Projektes sieht die EU die aktuellen Entwicklungen auf dem internationalen Erdgasmarkt positiv für ihre Zukunft. „Wir haben mehr als sechs Jahre lang dafür geworben, Gas direkt aus Aserbaidschan zu beziehen. Das wird mit TAP nun realisiert“ – kommentierte der EU-Energiekommissar Günther Oettinger die Entscheidung des Schah Denis II-Konsortiums über den Bau der Trans Adriatic Pipeline.

Das Nabucco-Projekt sollte bis nach Österreich gehen. Im Gegensatz dazu wird das aserbaidschanische Erdgas von der TAP-Pipeline bis nach Italien transportiert. Jedoch entspricht die Kombination der TAP- und TANAP-Projekte überwiegend dem alten Konzept der Nabucco-Pipeline. „Am Ende des Prozesses werden wir beide Leitungen haben: Erst TAP und später auch Nabucco West. TAP ist der Türöffner zu weiteren Gasfeldern in der Region“ – ergänzte Oettinger. Dadurch soll auch die EU dem Ziel der Diversifizierung der Transportrouten und Verringerung der Abhängigkeit von Russland näher kommen.

Gazprom baut weiter

Als Antwort auf die Bemühungen der EU, alternative Energierouten zu finden, begann der russische Energiekonzern Gazprom im Dezember 2012 mit dem Bau der South-Stream-Pipeline. Die erste Erdgaslieferung soll schon 2014 erfolgen. Mit der 20.380 Kilometer langen Leitung soll das Erdgas aus Südrussland über das Schwarze Meer, Bulgarien, Serbien, Ungarn und Slowenien in die EU geliefert werden. Damit möchte Russland seine Position auf dem europäischen Markt ausbauen.