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Andrej Alegawitsch Sannikow

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WIRTSCHAFT
2012-03-01
Öl-Boom in Kasachstan... Was kommt danach? Die Holländische Krankheit?
 
Astana, die neue Hauptstadt Kasachstans. Erbaut mit den Öl-Milliarden

Seit seiner Unabhängigkeit 1991 erlebte Kasachstan eine bedeutende wirtschaftliche Entwicklung. Dieser Trend wurde durch die Entdeckung des Öl- und Erdgasfeldes im kasachischen Teil des Kaspischen Meeres seit 2000 beschleunigt. Ist der anhaltende Öl-Boom für Kasachstan Segen oder Fluch? Eine Analyse von Roy Yu

Kasachstan hat sich niemals als eines der „fünf Stans“ gesehen, ein Begriff den der Westen im Englischen verwendet, um die fünf ehemaligen sowjetischen Republiken in Zentralasien möglichst simpel zu beschreiben. In den Köpfen der Kasachen, insbesondere für den kasachischen Präsidenten Nursultan Nazarbaew, unterscheidet sich ihr ölreiches Land einfach zu sehr von seinen Nachbarrepubliken.

Ein Spieler aus einer anderen Liga

Der Gedanke einer ökonomischen Überlegenheit geht auch in die politische Arena über. Während die bunten Revolutionen durch die ehemaligen sowjetischen Republiken zogen sowie die Regierung des Nachbarn Kirgisistan 2005 gestürzt wurde, sagte Nazarbajew einfach, sein Land sei zu reich für eine Revolution. Trotz der Tatsache, dass er das Land seit der Unabhängigkeit de facto wie ein Diktator regiert, lieben die Kasachen ihn und seine Leistungen.

Nazarbajew und die Kasachen können stolz sein. Mit dem Öl-Boom seit 1999 liegt das Wirtschaftswachstum bei hohen zehn Prozent jährlich. Das Land hat signifikante Marktreformen ebenso wie einen wirtschaftlichen Umbau hinter sich. Als es noch ein Teil der Sowjetunion war, hatte Kasachstan eine staatlich kontrollierte Wirtschaft, die hauptsächlich agrarisch war und Moskau Rohmaterialen zur Verfügung stellte. Seit der Unabhängigkeit konzentriert es sich auf den Energiesektor wie auf die Diversifizierung der Wirtschaft, einer Preisliberalisierung sowie die Privatisierung von Staatsunternehmen. Mit einer Ölproduktion, welche drei Mal höher ist als die von Frankreich, wird bis 2015 eine Verdreifachung angestrebt, die das Land auf eine Stufe mit Venezuela bringt. Nach Angaben der Weltbank generierte 2004 die Ölindustrie 30 Prozent der gesamten Staatseinnahmen. Die Hälfte aller Exporte des Landes hängen ebenfalls von der Ölindustrie ab.

Der Fluch des Öl-Booms?

 
Bayterek Turm im Zentrum von Astana

Der kommenden Öl-Supermacht stehen jedoch eine Reihe weiterer Herausforderungen bevor. Was soll mit den Einnahmen aus dem Boom geschehen? Wird dieser schlecht koordiniert, kann sich der Segen in eine Holländische Krankheit wandeln, was für die kasachische Wirtschaft ein schwerer Schlag wäre.

Die Holländische Krankheit ist kasachischen Politikern und Ökonomen nicht fremd. Der Begriff, geprägt 1977 von The Economist, beschreibt das Phänomen, wenn ein Land ein niedriges Wirtschaftswachstum erfährt – trotz reicher natürlicher Ressourcen – im Vergleich zu Ländern, die dieses Privileg nicht haben.

Der Mechanismus, welcher dahinter steckt, ist der, dass bei einem Ressourcenboom automatisch ausländische Investitionen angelockt werden. Ein Zufluss von harten ausländischen Währungen wertet die nationale Währung ebenfalls auf. Dieser Gegeneffekt macht nationale Produkte weniger Wettbewerbsfähig als ausländische Produkte, was schließlich sowohl in einen Rückgang der Exporte als auch einen Anstieg der Importe mündet. Mit anderen Worten, ein missachteter Segen kann sehr leicht in einen Fluch umschlagen.

Ein Problem in Kasachstan?

Die Kasachische Regierung hat dieses Problem bereits erkannt. Fraglich ist, ob die Regierung jene Öleinnahmen zum größten möglichen Nutzen für das Land einsetzt und viel wichtiger, um eine Holländische Krankheit zu vermeiden. Wie viel Geld sollte derzeit und wie viel Geld sollte in der Zukunft ausgegeben werden? Der Schlüssel liegt in der goldenen Mitte gleichsam wie in der Herstellung eines perfekten Gleichgewichts. Die Preise für natürliche Ressourcen, insbesondere Öl, sind Schwankungen unterworfen. Wenn jetzt zu viel ausgegeben wird und der Öl-Preis fiele, erlebt die kasachische Wirtschaft mit Sicherheit eine Rezession. Wenn bei hohen Ölpreisen dagegen eine große Summe der Öleinnahmen in die Wirtschaft fließt, steigen die Preise für die nationalen Produkte, was wiederum einen Gegeneffekt bei den Importen und Exporten zur Folge hätte. Eine Inflation in diesem Szenario wäre ebenfalls keine Überraschung.

Bei einem genauen Blick auf die ökonomische Entwicklung Kasachstans sowie der aktuellen implementierten Politik der Regierung, gibt es keine Anzeichen einer Holländischen Krankheit. Die Wirtschaft hat stark von der Abwertung des Tenge, der nationalen Währung, in den späten 1990er Jahren profitiert. Dies verschafft einerseits der kasachischen Währung, andererseits ebenso der Wirtschaft einen großen Spielraum bei einer Aufwertung und beim Wachstum. Die niedrige Bewertung des Tenge gibt der nationalen Industrie eine erstrebenswerte wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, die ihnen garantiert, dass die Exporteinnahmen stark bleiben, während der Öl-Sektor floriert.

Die kasachische Lösung

Die kasachische Regierung steckte tatsächlich Millionen der Öleinnahmen in die Infrastruktur des Landes: nämlich in den Wechsel der Hauptstadt von Almaty nach Astana sowie der damit verbundenen Stadtplanung und Entwicklung. In den frühen Jahren des Öl-Booms, im Jahr 2001, gründete die kasachische Regierung gemeinsam mit der Zentralbank den Nationalen Fonds der Republik Kasachstan. Mit der Schaffung von Rücklagen ebenso wie ausländischen Anleihen legte die kasachische Regierung einen Teil der Öleinnahmen zurück und kann sie zu einem späteren Zeitpunkt nutzen. Ein guter Schritt, wenn man bedenkt, dass die Ölpreise schwanken.

Mit dem Beitritt zum Antikorruptionsprogramm Extractive Industries Transparency Initiative, welches der ehemalige Britische Premierminister Tony Blair gründete, hat die kasachische Regierung die Herzen der Menschen gewonnen – wenn nicht in der Praxis, so zumindest dem Namen entsprechend. Ein erheblicher Teil der Öleinnahmen in Kasachstan wurde für den Aufbau eines Gesundheitssystems verwandt. Die alten Häuser der Slums werden durch neue Apartmenthäuser ersetzt. Gleichsam erhöhen neugebaute Schulen die Alphabetisierungsquote. Die Öleinnahmen haben die Loyalität der Menschen gekauft, weshalb Nazarbajew letztendlich postulierte, sein Land sei zu reich für eine Revolution.

Was soll jedoch geschehen, wenn das Öl erschöpft ist oder der Preis fällt? Kasachstan hat bereits voraus gedacht und einen „Notfallplan“ vorbereitet. Im Gegensatz zu einer anderen ehemaligen sowjetischen Republik, Aserbaidschan, welche ebenfalls derzeit einen Öl-Boom erlebt, hat Kasachstan seine Wirtschaft diversifiziert. Während Aserbaidschan sich allein auf seine Ölproduktion verlässt, legte Kasachstan seinen Schwerpunkt auf die Agrarwirtschaft und die Textilindustrie, derweil die Ölproduktion das Zugpferd der Wirtschaft ist. Solch eine Wirtschaftsdiversifizierung ist ein gutes Mittel gegen die Holländische Krankheit. Käme es dennoch zum schlimmsten Fall und ein Teil versagte, gäbe es noch einen weiteren.

Was passiert als nächstes in Kasachstan?

Es ist eindeutig, dass im Moment die Holländische Krankheit nicht auftritt, sofern die kasachische Regierung ihre bisherige Politik fortsetzt. Seit der Abwertung des Tenge in den späten 1990er Jahren hat das Land eine Aufwertung der nationalen Währung erlebt. Daher sollte die kasachische Regierung ihre Währungspolitik fester anziehen, um die Gefahr eines Ressourcenfluchs zu beseitigen. Ferner wäre es zielführend, würde die Nationalbank zeitnah die Liquidität reduzieren, um die Expansion von Krediten zu verlangsamen und einer Inflation vorzubeugen.